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Im März 2019 wurde Mosambik von einer zerstörerischen Katastrophe heimgesucht – und im April, nur 42 Tage später, gleich noch einmal. Nach Angaben der Vereinten Nationen waren allein in Mosambik mehr als zwei Millionen Menschen von den Zyklonen Idai und Kenneth betroffen.

Während meines Einsatzes im Medair-Nothilfeteam hatte ich die Gelegenheit, mit Dutzenden betroffenen Männern, Frauen und Kindern zu sprechen. Die zwei Wirbelstürme hinterliessen in ihren Städten und Dörfern eine Spur der Verwüstung. Erstaunlicherweise erlebte ich in den Gesprächen jedoch Menschen, die fest entschlossen waren, nicht aufzugeben und ihr Leben wiederaufzubauen, trotz aller traumatischer Erfahrungen, die sie durchgemacht hatten.

Während meinem Nothilfeeinsatz lehrten mich die Mosambikaner erstaunliche Dinge fürs Leben: Zum Beispiel wie wichtig Träume sind oder wozu grosse Liebe imstande ist. Hier eine Zusammenfassung meiner 10 wichtigsten Lektionen, welche ich aus Mosambik mit nach Hause nahm:

1. Liebe versetzt Berge

Die 60-jährige Ortensia lebt in Haruma, in einem kleinen Dorf in Zentralmosambik. Sie und ihr 75-jähriger Mann Antonio waren zuhause, als sie von Zyklon Idai überrascht wurden.

«Es fing mit dem Wind an, und dann kam das Wasser. Plötzlich stürzte das Haus ein und mein Mann Antonio wurde unter den Trümmern begraben. Ich schaffte es, ihn herauszuziehen und half ihm, auf den nächsten Baum zu klettern. Wie ich das geschafft habe? Das nennt man Liebe, glaube ich. Meinen Mann würde ich niemals im Stich lassen. Wir sind immer – in guten wie auch in schlechten Zeiten – füreinander da.»

 

2. Den Mut nicht sinken lassen und Probleme sofort anpacken!

Maria ist alleinerziehende Mutter von acht Kindern. Als Freiwillige unterstützte sie das Medair-Team während Güterverteilungen im ländlichen Bezirk Nhamatanda in Zentralmosambik.

«Ich helfe meinen Leuten, diese schwierige Zeit zu überstehen. Es ist das Beste, was ich im Moment tun kann. Vor der Katastrophe leistete ich schon freiwillige Einsätze, klärte Menschen auf, wie sie Krankheiten wie Malaria vorbeugen können. Jetzt bin ich noch überzeugter, dass ich als Freiwillige genau das Richtige tue. Indem ich euch unterstütze, möchte ich meine Dankbarkeit ausdrücken, dass ihr meinem Volk helft.»

 

3. Ich kann der Welt nicht all das Gute geben, das sie braucht, aber die Welt braucht alles Gute, das ich geben kann.

Saize Joao Sevene lebt in Chiboma, einem abgelegenen Dorf im ländlichen Bezirk Chibabava in Zentralmosambik. Noch nie zuvor hatte ein Ausländer sein Dorf besucht.

«Wir weinten, weil wir alles verloren hatten. Das Wasser hat alles mitgerissen. Aber dann seid ihr gekommen, und zu wissen, dass jetzt wenigstens jemand mitbekommen hat, was mit uns geschehen ist und wie es uns geht, hilft uns ungemein. Es ist so wichtig, dass jemand über unsere Situation berichtet und der Welt erzählt, wie es uns geht.»

 

4. Das Leben ist voller Leid. Aber auch voller Menschen, die es überwinden.

Raul Manuel lebt im Dorf Haruma in Zentralmosambik. Als das Hochwasser von Zyklon Idai sein Dorf unter Wasser setzte, handelte er: Blitzschnell fertigte er notdürftig ein paar Kanus an und rettete damit Dutzende Menschen, die hilflos auf Bäumen festsassen.

«Ich arbeitete auf meinen Feldern, als die Fluten kamen. Als ich mein Dorf erreichte, stand es bereits unter Wasser. Wir fällten etwas Holz, fertigten improvisierte Kanus an und retteten damit mehrere Menschen, die auf Bäumen ausharrten. Im Chaos konnte ich anfangs meine Frau und meine Kinder nicht finden, es war schrecklich, ich hatte solche Angst.»

 

5. Die Zukunft gehört denen, die träumen können.

Teofilo Joao Braga ist Chirurg und leitet das Spital Muxungue im Bezirk Chibabava. Es ist das einzige Spital in der Umgebung und eines der grössten der Region. Doch der Zyklon hat ihm schwer zugesetzt: Ohne Wasser und Strom kann der Operationssaal nicht mehr betrieben werden. Notfälle müssen in Einrichtungen in anderen Städten überwiesen werden, was ein enormes Risiko für die Patienten mit sich bringt.

«Mein grösster Traum? Der ist eigentlich ganz bescheiden. Ich wünschte, ich hätte einen kleinen Dieselgenerator. Dann könnte ich den Operationssaal wieder in Betrieb nehmen. Der Zyklon hat die Stromversorgung unterbrochen und es wird Monate dauern, bis alles wieder funktioniert. Für dringende Operationen müssen wir nun Patienten in die Spitäler von Beira oder Chimoio überweisen. Einige der Patienten überleben die lange Fahrt im Krankenwagen nicht. Nur einen kleinen Generator bräuchte ich… wenn ich den bekäme, würde ich singen und tanzen vor Freude.»

 

6. Allein können wir so wenig ausrichten; gemeinsam so viel erreichen!

Celio Corter stammt aus Mosambik und ist für unsere Partnerorganisation Food for the Hungry tätig. Eigentlich arbeitet er in einem anderen Bezirk, kam aber nach Beira, um Medair und Food for the Hungry nach Zyklon Idai zu unterstützen.

«Wir Mosambikaner sind stark, wir werden das überleben. Ja, die Katastrophe hat uns schwer getroffen und wir leiden. Dennoch arbeiten wir weiter und geben nicht auf. Einen schweren Schicksalsschlag kann man nur mit harter Arbeit überwinden; wir müssen gemeinsam und mit vereinten Kräften nach Lösungen suchen. Es wird Zeit brauchen, bis wir wieder auf die Beine kommen, aber wir werden es schaffen. Wir werden das Licht am Ende des Tunnels erreichen.»

 

7. Würde bewahren in allem Verlust

Der 75-jährige Antonio Zeca lebt im Dorf Haruma im Bezirk Nhamatanda:

«Ich habe wirklich alles verloren, sogar meine Schuhe. Ich habe keine Kleider mehr, und auch kein Zuhause. Aber meine Würde und meine innere Stärke, die kann mir nichts und niemand nehmen. Ich kann meiner Gemeinschaft immer noch von Nutzen sein. Ich werde mich für das Wohl meines Volkes und meiner Frau einsetzen. Dies ist nicht das Ende.»

 

8. Wissen bleibt und kann Menschenleben nachhaltig verändern

Mama Cristina arbeitet als Lehrerin in Macomia, einer Stadt im Norden Mosambiks, die von Zyklon Kenneth schwer in Mitleidenschaft gezogen wurde. Die Frau nahm an unseren Freiwilligenschulungen teil und unterstützte Medair danach bei Güterverteilungen in ihrer Gemeinschaft.

«Die Hilfsgüter, die ihr und andere NGOs verteilt, werden dringend benötigt. Und doch: Es sind nur Dinge, nach einer gewissen Zeit sind sie aufgebraucht. Irgendwann ist der Seifenvorrat erschöpft und die Plastikplanen auf unseren Dächern müssen nach einigen Jahren ersetzt werden. Das Wissen jedoch, welches ihr uns heute vermittelt, das bleibt. Genau aus diesem Grund bin ich Lehrerin geworden. Wissen bleibt, kann weitergegeben werden, erweitert den Horizont – und kann Menschenleben nachhaltig verändern.»

 

9. Lächeln kann ansteckend sein

Das erste Mal traf ich Aisha in Macomia nördlich von Pemba in der Provinz Cabo Delgado. Sie kauerte vor einem Trümmerhaufen – dort, wo früher ihr Haus gestanden hatte. Mit traurig gesenktem Blick versuchte sie – so gut sie konnte, mit gebrochener Stimme – meine Fragen zu beantworten und zu beschreiben, wie der Sturm ihre Welt zerstört hatte. Nichts in ihrer Stadt war mehr so wie früher. Mein mosambikanischer Kollege sah mich vielsagend an: Ich versuche jetzt etwas. Immer wieder sagen mir die Leute, mein Lächeln sei ansteckend. Und tatsächlich… Aishas Haus lag nach wie vor in Trümmern, ihre Welt musste nach wie vor wiederaufgebaut werden, aber ihr Lächeln war zurück: Hell und kraftvoll – ein unvergesslicher Moment.

«Plötzlich fing es an zu regnen. Der Niederschlag war extrem und alles war so dunkel. Es regnete vier Tage lang; es hörte einfach nicht mehr auf. Ich weinte, natürlich weinte ich. Aber nicht nur wir Kinder weinten, die Erwachsenen weinten ebenso. Das Lächeln, das du jetzt siehst – es ist das erste seit jener Nacht.»

 

10. Die Kraft, weiterzumachen

Ich traf Maddalena in Pemba, im Norden Mosambiks. In einer der Schutzunterkünfte, die nach dem Zyklon Kenneth errichtet worden waren. Die junge Frau war im neunten Monat schwanger gewesen, als der Wirbelsturm ihre Stadt heimsuchte. Wenige Tage nach der Katastrophe brachte sie in der Notunterkunft ein gesundes Baby zur Welt. Maddalena benannte ihren kleinen Sohn nach dem Strum, der ihr Leben verschont hatte.

«Ja, ich gab meinem Sohn den Namen Kenneth. Der Zyklon verschonte uns – ich schulde ihm das, nicht? Kenneth soll ein neues Leben einläuten, für einen Neuanfang stehen, als Zeichen dafür, dass die Zerstörung nicht das letzte Wort hat. Ich wollte der Welt signalisieren: Wir machen weiter, trotz allem. Wenn er alt genug ist, werde ich ihm natürlich erklären, woher sein Name stammt. Zyklon Kenneth ist Teil unserer Geschichte. Das Ereignis hat uns geprägt, unsere Familie und unser ganzes Land. Es ist wichtig, dass der kleine Kenneth dieses Stück seiner und unserer Geschichte kennt und versteht.»


Die Folgen der beiden Wirbelstürme werden noch lange zu spüren sein und die Bevölkerung Mosambiks hat noch einen weiten Weg zurückzulegen, bis wieder Alltag einkehrt. Während mehr als vier Monaten durften wir für unsere Nothilfeeinsätze auf Ihre Unterstützung zählen – und konnten rund 37 000 Menschen mit dringend benötigter Nothilfe versorgen. Herzlichen Dank!

Das internationale Nothilfeteam von Medair hat sein Programm in Mosambik Ende Juli 2019 abgeschlossen. Im Moment bereitet es sich auf seinen nächsten Einsatz vor.