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Anfang des Monats besuchte ich unser Madagaskar-Projekt. Seit über 17 Jahren setzt sich Medair dort für Menschen in entlegenen Dörfern ein. «Warum leistet ihr Hilfe in Madagaskar?», wurde ich mehrfach gefragt. Bei humanitärer Hilfe denkt man vermutlich in erster Linie an Konfliktregionen wie den Südsudan, Syrien, Irak oder die DR Kongo.

Madagaskar hingegen weckt Bilder von atemberaubend schönen Landschaften in uns, von endlosen Stränden und lustigen Lemuren aus dem nach dem Inselstaat benannten Animationsfilm. Diese Assoziationen sind sicher nicht falsch. Aber sie sind auch nicht vollständig. In der Tat ist Madagaskar einer der schönsten Orte auf unserem Planeten. Gleichzeitig gehört das Land zu den ärmsten der Welt – und ist besonders anfällig für Naturkatastrophen.

Gerne möchte ich Ihnen vier wichtige Aspekte der humanitären Situation in Madagaskar näherbringen:

1. Häufige Naturkatastrophen verschärfen die grosse Armut

Madagaskar gehört zu den zehn ärmsten Ländern der Welt. Laut Angaben der Weltbank leben 75 Prozent der Bevölkerung von weniger als 1.90 US-Dollar am Tag. Zwei Drittel der Menschen leben in Gebieten mit hohem Naturkatastrophenrisiko. Besonders häufig hat der Inselstaat mit Wirbel- und Tropenstürmen, Dürren, Epidemien und Insektenbefall zu kämpfen. Solche Ereignisses zerstören ganze Gemeinschaften und Familien haben aus diesem Grund kaum eine Chance, aus dem Kreislauf der Armut auszubrechen.

Auch bei der Trinkwasserversorgung sieht es schlecht aus – im afrikanischen Ländervergleich rangiert Madagaskar zurzeit auf dem viertletzten Platz. Meine Reise führte mich in die Region Grand Sud. Ich besuchte ein Dorf, dem die häufigen Dürren stark zu schaffen machen. Eine Frau erzählte uns, dass sie mehrere Stunden am Tag mit Wasserholen verbringt – zu Fuss, versteht sich. Damit hat sie sogar noch Glück: Denn in ihrer Region haben nur sieben Prozent der Menschen überhaupt Zugang zu sauberem Wasser. Aber oftmals ist auch das Wasser, das sie schliesslich beschaffen kann, verseucht.

Für die Landwirtschaft und damit für die Lebensgrundlage der Menschen haben Dürren, Wirbelstürme und Überschwemmungen verheerende Folgen. Viele madagassische Familien kämpfen ums Überleben, mehr als die Hälfte der Kinder ist chronisch unterernährt.

2. Der Klimawandel verschärft die Situation

In Madagaskar ist der Klimawandel eine Realität, die deutlich zu spüren ist. Naturkatastrophen wie Dürren und Überschwemmungen häufen sich und sind zerstörerischer als je zuvor. Im Global Climate Risk Index erscheint Madagaskar mittlerweile an siebter Stelle – so hoch liegen die Schäden, die durch Naturkatastrophen auf der Insel verursacht wurden. 35 Zyklone, acht Überschwemmungen und fünf grosse Dürreperioden trafen Madagaskar nach Angaben der Vereinten Nationen in den vergangenen 20 Jahren. Dies entspricht einer Verdreifachung im Vergleich zu den vorangehenden 20 Jahren.

Geringe Niederschläge und höhere Temperaturen – die Auswirkungen des Klimawandels verschärfen die Wasserknappheit im Land. Tausende Menschen haben nun plötzlich keinen Zugang zu Süsswasser mehr. Sie sind gezwungen, ihre Heimatdörfer zu verlassen und in andere Teile der Insel auszuwandern. Diese Menschen werden im eigentlichen Sinne zu Klimaflüchtlingen.

Fischerei und Ackerbau sind für die Nahrungsmittelversorgung vieler Dörfer entscheidend wichtig. Doch auch hier sind die Klimaeffekte spürbar, die Auswirkungen verheerend: Ernährungsunsicherheit und Unterernährungsraten werden Prognosen nach weiter zunehmen. Die Auswirkungen des Klimawandels in Madagaskar sind real. Globale Massnahmen zur Eindämmung der negativen Effekte eminent wichtig, um noch schlimmere Auswirkungen auf ohnehin gefährdete Gemeinschaften in Ländern wie Madagaskar verhindern zu können.

3. Das Land leidet still

Der humanitäre Hilfsbedarf in Madagaskar ist hoch, erreicht aber selten die globale Medienlandschaft. Es ist anzunehmen, dass auch dieser Artikel weniger oft gelesen werden wird wie andere unserer Beiträge über bekanntere Krisen in anderen Teilen der Welt.

Haben Sie zum Beispiel mitbekommen, dass im Jahr 2017 rund 1,4 Millionen Menschen im Süden des Landes schweren Hunger litten? Grund dafür waren anhaltende Dürreperioden in den Jahren zuvor, die verheerende Ernteausfälle nach sich zogen. Zusätzlich wurde Madagaskar im vergangenen Jahr gleich zweimal von einem Wirbelsturm heimgesucht – 212 200 Menschen waren direkt von Auswirkungen der Wirbelstürme Ava und Eliakim betroffen. Ausserdem starben seit Oktober 2018 etwa 1200 Menschen an Masern, einer vermeidbaren Infektionskrankheit.

Leider haben diese Ereignisse nur wenig Schlagzeilen gemacht und die humanitären Projekte im Land sind chronisch unterfinanziert. Dabei gilt es, keine Zeit zu verlieren. Die Auswirkungen der sich verschärfenden Naturkatastrophen müssen gemildert und wenn möglich verhindert werden, die grossen humanitären Bedürfnisse so schnell wie möglich gedeckt werden. Madagaskar befindet sich in einer anhaltenden Notlage – und hat die volle Aufmerksamkeit der internationalen Gemeinschaft verdient.

4. Abgeschiedenheit erschwert die Hilfe

Bedürftige Menschen in Madagaskar mit Hilfe zu versorgen, ist eine grosse Herausforderung. Ein Grund dafür ist die Abgeschiedenheit vieler Dörfer: Nur 15 Prozent der Strassen sind geteert.

Dass es ein langer und beschwerlicher Weg sein kann, Menschen in Not zu erreichen, erlebte ich bei meinem Besuch hautnah mit. Der erste Teil unserer Reise in ein entlegenes Dorf bestand in einem dreistündigen Flug von der Hauptstadt Antananarivo in den Süden. Darauf folgte eine Autofahrt von weiteren vier Stunden. Die Strassen waren durchgehend matschig und holprig, das Fahren anstrengend. Immer wieder mussten wir anhalten, weil wir im Schlamm steckenblieben. Klingt nach einem tollen Abenteuer? In Madagaskar gehören solche Strapazen zum Alltag. Es gibt Tausende dieser abgeschiedenen Dörfer und Gemeinschaften, welche dringend humanitäre Hilfe benötigen.

Und doch, mein Besuch hat mich ermutigt – trotz all der Herausforderungen, mit denen die Madagassen konfrontiert sind. Die Stärke und die enorme Wiederstandkraft der Menschen beeindruckten mich tief. Unsere lokalen Mitarbeitenden geben alles, um ihren Gemeinschaften zu helfen, Krisen und Katastrophen zu überstehen und sich von deren Auswirkungen zu erholen. Ohne den unermüdlichen Einsatz unserer einheimischen «first responder» (Ersthelfer) wäre unsere Arbeit gar nicht möglich. Wir zählen auf ihre Hilfe, denn sie sind es, die in Krisensituationen zahllose Leben retten. Sie sind jedoch auf unsere anhaltende Partnerschaft und Unterstützung angewiesen, um den grossen Herausforderungen begegnen zu können. Manchmal scheint es, als habe die Welt Madagaskar aus den Augen verloren. Dies darf nicht sein. Bitte engagieren Sie sich mit uns gegen das Vergessen.

Medair arbeitet seit 2002 in Madagaskar. Wir reagierten damals auf den enormen Hilfsbedarf nach Zyklon Kesiny. Seither unterstützen wir von extremer Armut oder von Naturkatastrophen betroffene Menschen mit sauberem Wasser, Sanitäranlagen und Hygieneleistungen und stellen Unterkünfte bereit. Bei Katastrophen arbeiten wir eng mit lokalen Gruppierungen zusammen – wie zum Beispiel Pfadfindern und Kirchen, welche Bedürftige im ganzen Land schnell mit Hilfe versorge können. Auch erhöhen wir die Widerstandsfähigkeit der Menschen durch Schulungen und die Vermittlung von Katastrophenschutz-Massnahmen.

Möchten Sie das Leben von Menschen in entlegenen Gebieten Madagaskars unmittelbar verändern? Dann überlegen Sie sich, ob Sie heute eine Spende an unseren Nothilfefonds machen möchten. Vielen Dank!