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Ein leises Rasseln erfüllt den Innenhof des Kuajok-Spitals im Südsudan. Es kommt aus einer staubigen, mit Kieselsteinen gefüllten PET-Flasche. Mit dem selbstgebastelten Spielzeug versucht Amel die Aufmerksamkeit ihres Sohns Agiu auf sich zu lenken. Doch der Einjährige reagiert nicht. Er leidet an Unterernährung und Masern, wirkt fiebrig und kraftlos. Um seine Lippen herum hat er offene Wunden – es verwundert nicht, dass er sich gegen das Stillen wehrt. Rund ein Dutzend Frauen haben sich mit ihren Kindern vor dem Isolierzelt versammelt, das von den Mitarbeitern des lokalen Spitals errichtet wurde. Kinder mit Masern können hier behandelt werden.

Mit einer gross angelegten Impfkampagne konnte unser Nothilfeteam 250 000 Kinder im Alter zwischen sechs Monaten und 15 Jahren impfen und ihnen Agius Schicksal ersparen. Als Medair Agius Dorf erreichte, hatte der Kleine sich leider bereits mit Masern infiziert. Zum Glück war es seiner Mutter möglich, mit ihm drei Stunden zu Fuss ins Kuajok-Spital zu laufen, um ihren Sohn behandeln zu lassen.

Anfang 2019 begann sich die Krankheit im Südsudan auszubreiten, im Mai wurden bereits elf aktive Ausbrüche gemeldet. Das Land hat eine der tiefsten Masern-Impfraten weltweit. Unterernährung ist weit verbreitet, was das Infektionsrisiko bei Kindern erhöht; die Komplikationen können lebensbedrohlich sein. Medair wurde gebeten, in den Bezirken West-Gogrial und Ost-Gogrial Masern-Notimpfungen durchzuführen. Rund 600 000 Menschen leben dort in kleinen Dörfern, die sich über das gesamte Gebiet erstrecken; nur einzelne sind mit dem Strassennetz verbunden. Medair-Mitarbeitende brauchten Allradfahrzeuge, um Impfstoffe und Hilfsgüter zu befördern – oder liefen stundenlang zu Fuss in die abgelegenen Gemeinschaften.

800 Mitarbeitende wurden auf Projektbasis eingestellt und im Umgang mit dem Impfstoff, der Mobilisierung der Bevölkerung sowie in der Datenverarbeitung geschult.

«Die Situation ist absolut unnötig, bei Masern handelt es sich um eine vollständig vermeidbare Infektionskrankheit», erklärt Medair-Gesundheitsexpertin im Südsudan, Nathalie Page. «Die Kinder in diesem Land haben es verdient, besser vor einer Ansteckung geschützt zu werden.»

Seit Jahren ist James Ngor in der Region für das Routine-Impfprogramm des Gesundheitsministeriums
zuständig. Aufgrund des Krieges war es nicht möglich, flächendeckende Impfkampagnen durchzuführen. James hat aus nächster Nähe beobachtet, wie rasend schnell sich Masern ausbreiten: «Die Krankheit kommt immer in abgelegenen Regionen zum Ausbruch – dort, wo die Menschen nicht umfassend informiert sind. In der Regel ist auch der Weg ins nächste Spital sehr weit. So stecken sich viele Kinder an. Auch waren zahlreiche Menschen in den vergangenen Jahren auf der Flucht und haben wichtige Impfungen versäumt.»

«Der Einsatz von Medair ist das Beste, was ich in den letzten 20 Jahren gesehen habe», lobt James. «Ihr seid an weit entfernte Orte gereist, dorthin, wo Menschen immer am stärksten leiden. Zudem habt ihr einen flächendeckenden Impfschutz sichergestellt und dabei auch ältere Kinder berücksichtigt.»

Ajok hat ihre beiden Kinder im Alter von sechs Monaten und zwei Jahren gegen Masern impfen lassen. «Ich machte mir ständig Sorgen, dass sie sich anstecken», sagt sie. «Danke, dass ihr hierhergekommen seid.»

Auch Akons Familie wurde von der mangelhaften Impfdeckung im Südsudan hart getroffen. Im März erreichte die Masernwelle ihr Dorf, zwei ihrer Enkelsöhne infizierten sich – und erlagen den schweren Komplikationen. «Jedes Mal, wenn ich an den Gräbern der Kinder stehe, möchte ich weinen und schreien», so Akon. «Ich kann nicht mehr mit ihnen sprechen oder spielen, denn sie sind … weg.» Als Medair Akon traf, impften wir alle anderen Kinder in ihrer Familie gegen Masern.

Im Kreise der Familie trauert Akon um ihre zwei Enkelsöhne, die im März an den Komplikationen einer Masern-Infektion starben. Seither wurden alle Kinder in der Familie geimpft.


Das umfassende Impfprogramm Expanded Program on Immunisations (EPI) enthält auch die Masern-Impfung und wird in von Medair unterstützten Spitälern angeboten. Das Nothilfeteam von Medair im Südsudan wird unterstützt von ECHO (Europäisches Amt für humanitäre Hilfe und Katastrophenschutz), UK aid der britischen Regierung sowie grosszügigen privaten Spenderinnen und Spendern.

Die Inhalte dieses Artikels stammen von Mitarbeitenden von Medair in den Einsatzgebieten und dem internationalen Hauptsitz. Die geäusserten Meinungen entsprechen ausschliesslich jenen von Medair und damit nicht unbedingt dem offiziellen Standpunkt anderer Hilfsorganisationen.