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Mehr als 2000 bestätigte Fälle und Verdachtsfälle wurden seit Ausbruch der Ebola-Epidemie in der DR Kongo gemeldet. Hilfsorganisationen wie Medair sind ununterbrochen im Einsatz, um der Ausbreitung des tödlichen Virus entgegenzuwirken. Dennoch steigt die Zahl der Ansteckungen kontinuierlich. Die Verbreitung scheint sich gar auszuweiten: So wurden die ersten tausend Fälle rund acht Monate nach Ausbruch der Epidemie gemeldet, die Verdoppelung erfolgte dann in schon weniger als zweieinhalb Monaten.

Aktives Engagement und ein offener Dialog

Beim Wort Ebola-Einsatz stellen wir uns meist Gesundheitsexperten in hellen Schutzanzügen vor, die sich hingebungsvoll um Infizierte kümmern und an vorderster Front alles geben, um das Leben von Erkrankten zu retten. Diese Vorstellung deckt sich auch mit der Realität – und doch spielt sich hinter den Kulissen noch so viel mehr ab: Untersuchungen, Überweisungen, Behandlungen, Impfungen, Infektionspräventionen und -kontrollen sind für eine effektiven Bekämpfung von Ebola unabdingbar. Der medizinische Einsatz ist aber nur dann erfolgreich, wenn er eng mit gemeinschaftsbasierter Prävention und Überwachung verknüpft ist. Deshalb ist es im Rahmen unseres Nothilfeprogramms in der DR Kongo besonders wichtig, Menschen in betroffenen Regionen zu befähigen, selbstbestimmt Präventionsmassnahmen ergreifen zu können. Die Ausrottung der Epidemie ist nur durch würdevolles Einbinden und aktives Zutun der betroffenen Gemeinschaften möglich.

Eine Dorfbewohnerin wäscht ihre Hände an einer von Medair bereitgestellten Handwaschstation. © Kate Holt / Medair

Während der Ebola-Krise in Westafrika sanken die Ansteckungsraten erst, als betroffene Gemeinschaften zentrale Präventionsmassnahmen akzeptierten und selbst anwendeten. Während die Isolierung und Behandlung von Patienten weiterhin von Hilfsorganisationen unterstützt wurde, wurden wesentliche Schritte zur Ausmerzung der Seuche von den Gemeinschaften selbst geleistet. Nachbarn passten Begrüssungsrituale an, Mütter forderten ihre Kinder zum konsequenten Händewaschen auf und Familien änderten ihre Beerdigungszeremonien. Der echte, nachhaltige Wandel vollzog sich innerhalb der betroffenen Stadtviertel und Dörfer selbst. Organisationen, die derzeit auf die Epidemie in der DR Kongo reagieren, sollten sich diese wertvollen Erkenntnisse zunutze machen.

Die 65-jährige Agwandia Jermanine erkrankte am 25. Dezember an Ebola – und überlebte den tödlichen Virus. © Kate Holt / Medair

Agwandia Jermanine steckte sich mit dem Ebola-Virus an – und überlebte. Seither setzt sie sich mit allen Mitteln für die Prävention und Behandlung der Krankheit ein. Als traditionelle Heilerin bekleidet die starke, temperamentvolle Frau eine Schlüsselrolle innerhalb ihrer Gemeinschaft. Heiler gelten als Meinungsmacher und Respektspersonen in ihrem Dorf, weshalb sie auch für Medair eine wichtige Zielgruppe darstellen. In einer Informationsrunde mit Gemeindevorstehern fragte ein Teilnehmer: «Woher wissen wir, dass es Ebola überhaupt gibt und die Krankheit keine Erfindung der Behörden ist?» Agwandia erhob sich von ihrem Stuhl und erklärte: «Ich weiss, dass die Krankheit echt ist. Ich hatte selbst Ebola.» Angesehene Gemeindemitglieder wie Agwandia sind entscheidend wichtig, um die anderen Dorfbewohner ins Boot zu holen und einen offenen Dialog zu ermöglichen. Nur wenn Betroffene Vertrauen aufbauen, werden sie sich einbringen und lebensrettende Präventionsmassnahmen annehmen und anwenden – immer individuell abgestimmt auf ihre Gemeinschaft.

Papa Kambales Tochter starb im Januar 2019. Sie lebte bei ihrem Vater, half ihm bei der Versorgung seiner drei verwaisten Enkel und unterstütze ihn finanziell. © Kate Holt / Medair

Vertrauensaufbau als Voraussetzung für einen erfolgreichen Nothilfeeinsatz

Wie wichtig der Einbezug von lokalen Gemeinschaften ist, haben uns verschiedene verheerende Angriffe auf Ebola-Behandlungszentren in den vergangenen Monaten schmerzlich vor Augen geführt: Die Akzeptanz von Hilfsorganisationen zur Bekämpfung von Ebola ist in vielen Dörfern noch nicht vorhanden. Vertrauen wird aufgebaut, wenn ein Dialog stattfindet, lokales Personal eingesetzt wird und die Bedürfnisse der Betroffenen gehört und ernstgenommen werden – und zwar nicht nur im Zusammenhang mit Ebola. Ein Vertrauensaufbau kann jedoch auch behindert werden. Zum Beispiel aufgrund von (sichtbaren) Verflechtungen zwischen der zivilen und der militärischen Ebene, was ein Verstoss gegen die humanitären Grundsätze bedeutet. Ein solches Verhalten schürt das Misstrauen von Gemeindemitgliedern. Sie fragen sich: «Wenn Ebola wirklich eine Krankheit ist, warum fahren im Krankenwagen denn Polizisten mit? Das sieht eher nach einer Verhaftung aus.»

Es gibt auch Wege, ohne militärisches Begleitpersonal einen sicheren Zugang in betroffene Gebiete zu erhalten. Hilfsorganisationen können beispielweise mit Partnern zusammenarbeiten, die schon längere Zeit gute Beziehungen zu den jeweiligen Gemeinschaften unterhalten. Vor dem Einsatz sollten umfassende Gespräche mit Gemeindevorstehern geführt werden, um angemessene Aktivitäten gemeinsam zu planen – auch dann, wenn dadurch zeitliche Verzögerungen entstehen können. Damit stellt die Hilfsorganisation sicher, dass sie nicht als unerwünschter Eindringling, sondern als Helfer wahrgenommen wird.

Agwandia Jermanine erklärt einer Gruppe traditioneller Heiler, wie wichtig es ist, bei einem frühen Verdacht auf Ebola das Gesundheitsamt zu informieren. © Kate Holt / Medair

Nothilfe wird offiziell verstärkt

In jüngster Zeit hat es verschiedene ermutigende Entwicklungen gegeben: Das Inter-Agency Standing Committee, (IASC), eine Organisation der Vereinten Nationen, die die humanitäre Hilfe koordiniert, erkannte die Schwere des Ebola-Ausbruchs in der DR Kongo vergangene Woche an und rief die höchste Krisenstufe aus. Zu den obersten Prioritäten gehören nun eine verstärkte Einbindung lokaler Gemeinschaften sowie eine verbesserte Koordination der Hilfe.

Medair begrüsst die Erklärung der höchsten Krisenstufe und damit die Verstärkung der Nothilfe. Wir appellieren an die kongolesische Regierung, internationale politische Entscheidungsträger sowie an alle Geber, Nothilfeeinsätze voll und ganz zu unterstützen – und gleichzeitig ihre Qualität und Ausrichtung zu überwachen.

Eine massgeschneiderte Einsatzstrategie ist dabei der alles entscheidende Erfolgsfaktor: Die Gemeinschaften müssen auf kulturell angepasste Weise mit allem Nötigen ausgestattet werden, um der Krise begegnen zu können. Sie müssen dazu ermutigt werden, selbst aktiv zu werden. Die kongolesische Bevölkerung ist von dem Ausbruch am stärksten betroffen – und sollte daher auch am stärksten in die Hilfsaktivitäten eigebunden sein.

Diese Tanzgruppe zeigt während einer Medair-Sensibilisierungsveranstaltung, wie man sich effektiv vor Ebola schützen kann. © Kate Holt / Medair

Die globalen Schritte zur Verstärkung der Nothilfe machen Mut – genauso wie lokale Initiativen in der Krisenregion selbst. Ein Beispiel dafür ist eine lokale Tanzgruppe aus Beni: Als die jungen Männer sahen, wie sich die Epidemie vom Ausbruchsort in Mabalako bis in ihre Stadt ausbreitete, studierten sie gemeinsam eine Choreografie ein, um die Bevölkerung für Ebola zu sensibilisieren. Unterstützung erhielten sie von der Medair-Mitarbeiterin und leidenschaftlichen Tänzerin, Rebecca Langer, die ihnen mit Ratschlägen betreffend Choreografie zur Seite stand. Seither ist die Gruppe für Medair im Einsatz und zieht durch besonders stark betroffene Stadtviertel, um Jugendliche besser erreichen zu können. Die Art und Weise, wie diese Gruppe Initiative und Verantwortungsbewusstsein übernahm, sollte als Vorbild für möglichst viele weitere Aktionen dienen. Nur durch den Einbezug der Einheimischen kann der Ausbruch erfolgreich und endgültig beendet werden.

Während der aktuellen Ebola-Epidemie unterstützt Medair über 70 Gesundheitseinrichtungen im Osten der DR Kongo mit Gesundheits- und Ernährungsleistungen, WASH (Wasser, sanitäre Einrichtungen und Hygiene) und damit verbundenen Massnahmen.