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Der Alltag vieler syrischer Flüchtlinge wird von Ängsten, unverarbeiteten Gewalterfahrungen und dem schmerzlichen Verlust von Verwandten und Freunden begleitet. «Ich kann meinen Kindern nicht das geben, was sie zum Leben brauchen. In Syrien waren wir glücklich, aber jetzt fühle ich mich durchgehend niedergeschlagen», erzählt mir Rashid, fünffacher Vater, der im Libanon lebt. Wie viele andere Flüchtlinge harrt er mit seiner Familie in einer Zeltsiedlung in einem ihm vorher unbekannten Land aus. Eine Arbeitserlaubnis wird ihm verwehrt und er schafft es kaum, den täglichen Bedarf seiner Familie zu decken. Als meine Kollegin seine Frau nach ihrer Situation fragt, antwortet diese nicht. Stattdessen verdeckt sie ihr Gesicht mit den Händen und fängt leise an zu schluchzen.

Acht Jahre dauert der Konflikt in Syrien bereits an, und er hat bei den Betroffenen tiefe seelische Wunden hinterlassen. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) benötigen mehr als die Hälfte der Syrerinnen und Syrer professionelle psychologische Unterstützung.

Psychosozialer Stress bei Flüchtlingen wird stark unterschätzt, die Behandlung davon oft unterlassen. Schliesslich ist diese Art von Verletzung in vielen Fällen nicht sichtbar. Oftmals wird davon ausgegangen, dass der psychische Schmerz von selbst verschwindet, wenn Menschen nicht mehr der Gefahr ausgesetzt sind, wegen der sie ihrer Heimat entflohen. Dies ist aber nur selten der Fall. Auch wenn die Zeit akuten Schmerz zu lindern vermag, heilt sie nicht alle Wunden, schwere Traumata erst recht nicht. Vertreibung, eine ungewisse Zukunft, schlechte Nachrichten aus der Heimat – all das kommt nach dem Kriegstrauma während dem Flüchtlingsalltag erschwerend hinzu.

Medair-Mitarbeiterinnen machen im Rahmen einer psychosozialen Therapiesitzung eine Übung mit einer syrischen Flüchtlingsfrau.  

Auf psychischen Problemen lastet oft ein schweres Stigma, welches Betroffene daran hindert, sich Hilfe zu holen. Eine Syrerin, die an einer unserer psychosozialen Therapiesitzungen teilnahm, brachte es auf den Punkt: «Niemand soll erfahren, dass ich hierherkomme. Was würden die Leute von mir denken? Etwa, dass ich ein Weichei bin und meine Zeit mit unwichtigen Dingen verschwende, anstatt Geld aufzutreiben, damit meine Kinder essen und in die Schule gehen können.»

Weltweit leidet jeder vierte Person im Laufe ihres Lebens unter psychischen Problemen. 70 Prozent der Hilfsbedürftigen haben kaum Zugang zu professioneller Unterstützung.“

In humanitären Notlagen ist das psychische Leid erhöht, während es gleichzeitig schwieriger ist, Hilfe zu erhalten. Stigmatisierung, fehlendes psychologisches Fachpersonal sowie der schlechte Zugang zu medizinischen Leistungen vergrössern die ohnehin bestehende Versorgungslücke.

Indem wir psychische und psychosoziale Angebote in die humanitäre Hilfe integrieren, können wir Einzelpersonen helfen, ihre Probleme zu bewältigen und stärken gleichzeitig die gesamte Gemeinschaft. Kinder und Jugendliche profitieren von Sportaktivitäten und kinderfreundlichen Räumen, Frauen erhalten in so genannten «Care Groups» die Möglichkeit, sich auf Gemeinschaftsebene zu vernetzen und auszutauschen. Manche Menschen benötigen gezielte Angebote, um mit ihren Erlebnissen umzugehen; mit ihnen führen wir psychosoziale Therapiesitzungen in der Gruppe durch. Eine syrische Frau, die im Libanon an einer solchen Gruppentherapie teilnimmt, sagte: «In den Sitzungen darf ich reden und Dinge loslassen, die ich erlebt habe. Auch geben sie mir das Gefühl, dass ich nicht alleine dastehe. Viele andere Frauen kämpfen mit denselben Schwierigkeiten.»

Während einer psychosozialen Therapiesitzung im Libanon wurden die Teilnehmenden gebeten, einen Gegenstand anzufertigen, der einen Teil ihrer Geschichte erzählt. Die syrische Flüchtlingsfrau Mariam bastelte eine Puppe, die ein dreijähriges Mädchen namens Sadir symbolisierte. Mariam erklärte, dass Sadir aus einem Trümmerhaufen herausgezogen und danach ins Spital gebracht worden war. Ihre Eltern hatten nicht überlebt. Jetzt wächst das Mädchen bei Verwandten von Mariam auf.

Menschen, denen wir helfen, auf keinen Fall ausser Acht lassen. Wenn wir das täten, wären die Spätfolgen des unbehandelten seelischen Leids womöglich genauso verheerend wie die Krisen und Katastrophen, die es ausgelöst haben. Natürlich können und sollen wir Notleidende weiterhin mit sauberem Wasser, medizinischen Leistungen und sicheren Unterkünften versorgen. Genauso ist es unsere Pflicht, ihnen zu helfen, die seelischen Trümmer aus dem Weg zu räumen.

Wir dürfen die syrischen Flüchtlinge und die anderen Millionen von Menschen, die in die Flucht getrieben wurden, nicht hängen lassen. Vielen Syrerinnen und Syrern geht es ähnlich wie Rashid und seiner Familie. Zahlreiche Männer und Frauen sind jeden Tag hohem traumatischem Stress ausgesetzt, den sie an ihre Kinder weitergeben. Zwar sind viele Betroffene auch unfassbar stark und schaffen es oft, wieder auf die Beine zu kommen. Aber auch wenn der Lärm

der Schüsse nach und nach verhallt, bleiben emotionale Verletzungen zurück, die sie daran hindern, ein neues Leben aufzubauen. Die humanitäre Gemeinschaft muss sich geschlossen an ihre Seite stellen, damit die tiefen seelischen Wunden heilen können. Jetzt.

Dieser Artikel wurde in Teilen bereits auf Englisch veröffentlicht im Church of England newspaper.